Die Philosophie der CAIROS Gruppe folgt dem zukunftsgewandten Leitbild der „Stadt von morgen“. Was er mit diesem Bild verbindet, erklärt der Geschäftsführer der CAIROS GmbH, Dr. Ralph Neukirchen, in diesem Interview.

Herr, Dr. Neukirchen, was genau verstehen Sie unter der Stadt von morgen?

Gerne würde ich noch ergänzen: „Die Stadt von morgen für unsere Kinder“. Diese Vision bedeutet für uns: Wenn wir Gebäude bauen oder sanieren, denken wir in erster Linie an die Menschen, die dort leben werden. Wie wollen sie leben? Wie sehen Quartiere oder Gebäude aus, in denen sie wohnen oder arbeiten? Wie sieht eine lebenswerte Stadt für uns und unsere Kinder in Zukunft aus?

Wie definieren Sie dabei den Begriff „lebenswert“?

Jeder Mensch definiert lebenswert vermutlich etwas anders. Was die lebenswerte Stadt betrifft, gibt es immer mehr Menschen, die ökologische und soziale Prinzipien mindestens so stark gewichten wie ökonomische. Sehr gut realisieren lassen sich diese scheinbaren Widersprüche mit dem Konzept der „15 Minuten Stadt“. In der Stadt der kurzen Wege soll es den BewohnerInnen möglich sein, innerhalb kürzester Zeit zur Wohnung und Arbeitsstätte zu gelangen, aber auch z.B. Freizeitmöglichkeiten zu erreichen – am besten zu Fuß, mit dem Fahrrad oder öffentlichen Transportmitteln. Das sind Themen der Stadtplanung. Aber auch für zukünftige Gebäude gibt es mittlerweile sehr viele Möglichkeiten, sie lebenswerter zu gestalten. Mit Gemeinschaftsräumen, E-Mobility Lösungen, Barrierefreiheit oder variablen Raumkonzepten. Und natürlich wird immer mehr Augenmerk auf die nachhaltige und gesundheitsverträgliche Auswahl aller Baustoffe gelegt.

Was bedeutet Nachhaltigkeit für die „Stadt von morgen“?

Nachhaltigkeit bei der Gestaltung von Quartieren oder Gebäuden betrifft im Wesentlichen die Vermeidung von CO2 und die Wiederverwendung von Materialien –idealerweise mit dem „Cradle to cradle“-Ansatz. Gerade bei der Vermeidung von CO2 stehen wir vor großen Herausforderungen, nicht nur was die Sanierung von Häusern mit modernen Heizsystemen, Dämmmaterialien oder Fenstern betrifft. Auch die CO2 neutrale Herstellung aller am Bau verwendeten Materialien muss so schnell wie möglich realisiert werden. Noch weiter entfernt sind wir vom „Cradle to cradle“-Ansatz im Bau. Hier sollen optimalerweise alle Baustoffe und Materialien sorgfältig ausgesucht werden, mit dem Ziel, sie auch viel später sortenrein wiedergewinnen zu können, um sie für weitere Gebäude zu verwenden – das sogenannte „Urban Mining and Recycling“. Unabdingbar ist dabei Software, mit deren Hilfe pro Gebäude genau aufgelistet wird, wieviel von jedem Material an welcher Stelle verbaut wird.

Inwieweit spielen Innovationen eine Rolle in der „Stadt von morgen“?

Bei den Herausforderungen für unsere Gesellschaft auf dem Weg zur CO2 Neutralität und zu echten Wertstoffkreisläufen sind noch viele Detailfragen zu klären und die Kosten sind aktuell noch zu hoch. Beispielsweise ist es schwieriger als gedacht, moderne Gebäude ohne Beton zu bauen, also z.B. aus Holz. Zu klären sind Fragen der Schallisolierung, Verwitterung, Instandhaltung oder Verhinderung von Schädlingsbefall. Zudem gibt es für einige Baustoffe wie z.B. Dämmmaterialien noch keine wiederverwendbaren Ersatzstoffe oder deren Herstellung ist noch zu teuer. Für all diese noch nicht gelösten Probleme werden wir Innovationen benötigen. Und auch alle Prozesse bei der Herstellung der Baustoffe und beim Bau selbst werden in Zukunft neu gedacht werden müssen.

Warum braucht es für Innovationen immer wieder viel Mut (gerade auch im Hinblick auf steigende Rohstoffpreise)?

Alle Innovationen bestehen zuerst als Idee und werden in kleinen Mengen oder in Pilotprojekten realisiert. Es ist ein sehr langer Weg bis sich ein Produkt – wie z.B. das Fenster von morgen – am Markt durchsetzt, weil es alle geforderten Eigenschaften besitzt, alle gesetzlichen Vorgaben erfüllt und nicht teurer ist als vergleichbare Alternativen. Man sieht es an den unzähligen Start-ups, die vielversprechende Ideen hatten und sich trotzdem nicht am Markt durchsetzen konnten. Um in diesem Umfeld Neues auszuprobieren und erst einmal für Jahre in Vorleistung zu gehen, braucht ein Unternehmen viel Ausdauer und viel Mut. Aktuell erleben wir schwer planbare Produktmärkte und große Marktverwerfungen. Dazu kommen sehr hohe Preise, Lieferengpässe oder sich stark verändernde Lieferketten. All diese Faktoren machen es für alle Beteiligten noch schwieriger, Neuland zu betreten.

Auf welchen Gebieten im ganzen Spektrum der Bau- und Immobilienbranche sehen Sie derzeit die größten Innovationen? Und worauf kommt es jetzt an, damit sich diese auch durchsetzen?

Erfreulicherweise sehen wir auf allen Gebieten, in denen Bau- oder Immobilien-Innovationen notwendig sein werden, eine große Vielzahl an vielversprechenden Ansätzen. In allen entwickelten Ländern arbeiten Forschungseinrichtungen und Unternehmen mit Hochdruck an möglichen Lösungen. Immer mehr Kapital wird für neue Verfahren oder innovative Produkte bereitgestellt. Gerade die neue Regierung in Deutschland macht Hoffnung, dass dieser Trend eher noch zunimmt. Am wichtigsten sind dabei die Themen, die auch das größte Problem darstellen. Bei Immobilien sind das aktuell der Beton, die Heizlösungen und die Dämmung. Die gute Nachricht lautet: alle wesentlichen technischen und prinzipiellen Fragen sind geklärt. Jetzt kommt es vor allem darauf an, dass die Regierung einen klar nachvollziehbaren Weg aufzeigt und mutig und konsequent die notwendigen Rahmenbedingungen schafft. An dem wichtigsten Projekt für die geplante Energiewende und damit für die Lösung aller wesentlichen zukünftigen Fragen, wird sich die Bundesregierung messen lassen müssen: dem Bau der Stromautobahnen.

Wie sehen Sie das Thema Mobilität in der Zukunft? Inwieweit muss die „Stadt von morgen“ eine kommende Mobilitätswende jetzt schon mitdenken?

Nicht nur alle in Planung befindlichen neuen Quartiere, auch alle bestehenden Quartiere werden sich auf dem Weg zur Mobilität der Zukunft wesentlich ändern müssen. Die bedeutendste Änderung ist der Wechsel von der Auto-zentrierten Stadt hin zur Fußgänger- und Fahrradfahrer-zentrierten Stadt. Die Stadt- und Quartiers-Planung muss ganz neu gedacht werden. Und auch die einzelnen Gebäude oder Wohnanlagen werden in Zukunft ausreichend Möglichkeiten für die Mobilität von morgen bieten müssen. Z.B. Ladestationen und Parkplätze für Elektroautos, autonome Elektrobusse, Elektro-Lastenfahrräder oder Elektro-Fahrräder. Oder gemeinschaftlich genutzte Miet-, Service- oder Reparatur-Räume. Herausfordernd ist bei allen Ansätzen das Henne-Ei-Problem. Ohne Infrastruktur keine moderne Mobilität. Und ohne ausreichend moderne Mobilität kein Anreiz für moderne Infrastruktur. Auch hier sind die Städtemagistrate gefragt, den gordischen Knoten mit mutigen Plänen und wegweisenden Investitionen zu zerschlagen.

Dieselbe Frage gilt auch für das Thema Remote Work – sind die Innenstädte der „Stadt von morgen“ immer noch mit großen Bürokomplexen gepflastert, oder entsteht hier in Zukunft mehr urbaner Wohnraum?

Lebenswertes Wohnen und Arbeiten und gleichzeitig moderne Mobilität fordern kleinräumige Siedlungsstrukturen, wie beispielsweise in der „15 Minuten Stadt“. Die richtige Mischung aus Wohn-, Arbeits- und Freizeit-Raum und das passende Angebot an Schulen, Kliniken oder Dienstleistungen wird jede Stadt für jedes Quartier finden müssen. Es wird vermutet, dass mehr Menschen in Zukunft von zu Hause aus arbeiten werden als heute und dass sie sich dafür einen anderen Schnitt der Wohnung oder Gemeinschaftsräume in Wohnanlagen wünschen werden. In der richtigen Lage werden aber auch Bürogebäude in Zukunft ihre Berechtigung haben. Das moderne Büro wird aber wesentlich besser mit digitaler Technologie ausgerüstet sein, und moderne, agile und kollaborative Arbeitsformen ermöglichen. Es wird mehr Räume für Kreativität oder Entspannung bieten. Und die Wege zu Dienstleistern oder Ärzten werden viel kürzer sein.

Wie wird die „Stadt von morgen“ auf den Megatrend E-Commerce reagieren? Gibt es in 20 Jahren noch den klassischen „Schaufensterbummel“? Oder wie sehen die Innenstädte aus?

Die „Innenstadt von morgen“ ist neben der Mobilität sicherlich das Thema, das die meisten Städte umtreibt. Unbestreitbar gewinnt der E-Commerce immer mehr an Bedeutung und Lieferungen frei Haus nehmen weiter zu. Zugleich gibt es unzählige Initiativen, die sich diesem Trend entgegenstellen. Nahezu überall werden soziale und kulturelle Projekte vorangebracht, um die Innenstädte neu zu beleben. Pop-Up-Stores entstehen, um leerstehende Läden durch andere Geschäftsmodelle zu nutzen und um noch unbekannte Konzepte zu testen. Gerade die Altstädte werden immer attraktiver gemacht, beispielsweise für Touristen oder für die Erholung am Wochenende. Was aber geschieht mit den Einzelhandelsflächen, wenn zu Hause gekauft wird? Vorstellbar ist zum einen ein noch stärkerer Wechsel zu Produkten, die man anprobieren oder vor Ort testen möchte. Oder auf den Flächen in der Stadt wird für Produkte geworben, die man dann online kauft. Für nicht mehr benötigte Handelsflächen der Supermärkte werden derzeit sogar Konzepte getestet, Lebensmittel in Gewächshäusern anzubauen und vor Ort zu verkaufen. Die Innenstadt wird dann mehr und mehr zu einem großen (smarten und modernen) Marktplatz.

Im Hinblick auf privates Wohnen: Wie werden Menschen in Zukunft leben? Welche Trends beobachten Sie?

Beim Wohnen in der Stadt ist ein Trend sehr auffällig. Single- und Zweipersonenhaushalte machen bereits 70 Prozent des Wohnungsmarktes aus. Ihr Anteil wird sich in den kommenden 10 Jahren vermutlich sogar noch vergrößern. Soziologen stellen eine zunehmende Vereinsamung fest. Zudem erreichen Institutionen wie die Kirche oder Vereine nicht mehr so viele Menschen wie früher. Viele Stadtplaner versuchen dem entgegenzuwirken, indem sie die sozialen Netzwerke zwischen den Menschen in der Nachbarschaft stärken. Eine Möglichkeit bietet ein Intranet, das der gesamten Wohnanlage oder dem gesamten Quartier zur Verfügung steht und entsprechende Nachbarschaftsplattformen für unterschiedliche Anlässe oder Personengruppen.

Und auch die Stadt der kleinen Wege mit Gemeinschaftsräumen oder -plätzen wird mehr Gelegenheiten schaffen, sich außerhalb der eigenen Wohnung mit anderen Menschen zu treffen. Innerhalb der eigenen 4 Wände werden Trends bemerkbar werden, die wir schon generell für Gebäude besprochen haben. Die Inneneinrichtung wird z.B. zunehmend aus nachhaltigen Materialien bestehen und das Wohlbefinden der BewohnerInnen wird im Mittelpunkt stehen. Mehr Augenmerk wird in Zukunft auf die ideale Schlafumgebung gerichtet, z.B. durch bessere Schallisolierung und Optimierung der jeweils gewünschten Lichtverhältnisse. Auch Pollen- und Virenfilter werden immer mehr zum Standard in modernen Wohnungen. Genauso wie energieeffiziente Technologien wie Wärmepumpen, LED, Smart Home oder die Unterstützung durch intelligente Assistenten. Die Betonung liegt aber jeweils auf „smart“ oder „intelligent“. Viele Lösungen, die heute angeboten werden, sind davon noch weit entfernt und benötigen den ständigen Eingriff der BewohnerInnen. In Zukunft werden sich nur die Technologien durchsetzen, die kostengünstig einen echten Mehrwert liefern, ohne dass wir uns ständig mit ihnen beschäftigen müssen.

Dr. Ralph Neukirchen
Mitgründer und Gesellschafter von CAIROS

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