Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) mit ihren rund 1.300 Mitgliedsorganisationen ist Europas größtes Netzwerk für Nachhaltiges Bauen. Ziel der 2007 gegründeten Non-Profit-Organisation mit Sitz in Stuttgart ist es, sich aktiv für mehr Nachhaltigkeit in der Bau- und Immobilienwirtschaft einzusetzen. CAIROS ist Mitglied der DGNB. Interview mit Dr. Christine Lemaitre und Johannes Kreißig, Geschäftsführende Vorstände der DGNB. 

Dr. Christine Lemaitre (links) und Johannes Kreißig (rechts), Geschäftsführende Vorstände der DGNB

Aus welcher Situation heraus wurde die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – DGNB e.V. im Jahr 2007 gegründet? Was planten die Akteure und woher kamen sie?

Johannes Kreißig (JK): Das Thema „Green Building“ hatte sich in den Jahren zuvor international immer mehr verbreitet und auch erste Rating-Systeme für grüne Gebäude wurden angewandt. Diese waren für den deutschen oder europäischen Markt aber nur bedingt geeignet. Weil bei uns vieles bereits hinreichend gesetzlich geregelt ist, wir technisch deutlich weiter waren und auch ganz anders mit dem Thema Baukultur umgehen. Außerdem hatten diese Systeme methodische Grenzen und waren bei weitem nicht ambitioniert genug. Das haben eine Reihe von Unternehmen aus unterschiedlichsten Bereichen der Bau- und Immobilienwirtschaft verstanden und gemeinsam den Impuls zur Gründung der DGNB gegeben. Dies war eine wirklich bemerkenswerte Zeit, weil all die Akteure, die dort zusammenkamen, ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen ein wenig zur Seite gestellt haben, um zusammen etwas zu schaffen, was das Potenzial hat, den Markt tiefgehend zu transformieren. Mit Erfolg, wie wir heute sehen. 

Herr Kreißig, Sie selbst gehörten zu den Initiatoren: Wie groß war Ihre Hoffnung, als Non-Profit-Verein das nötige Gewicht und eine nennenswerte Strahlkraft in der Branche zu entwickeln?

JK: Die Hoffnung war da, sonst hätten wir es nicht versucht. Aber natürlich gab es ganz viele Unwegsamkeiten. Es war ein großes Experiment, von dem wir nicht wussten, wie es ankommt. Und von weiten Teilen der Bau- und Immobilienwirtschaft wurden wir erstmal auch kritisch oder zumindest irritiert betrachtet. Wir haben aber gerade in den ersten Monaten und Jahren einen gigantischen Zulauf an Mitgliedern gehabt, weshalb wir schon zuversichtlich waren, dass wir dauerhaft etwas bewegen können. 

Welche Berufsgruppen gehören zu den DGNB-Mitgliedern und wie wichtig ist es, möglichst breit aufgestellt zu sein?

Dr. Christine Lemaitre (CL): Die Mitgliedsorganisationen decken das gesamte Spektrum der Wertschöpfungskette im Bauen ab: Architekten, Planer und Fachingenieure sind genauso dabei wie Projektentwickler, Investoren und andere Vertreter der Immobilienwirtschaft. Dazu kommen Bauproduktehersteller, bauausführende Unternehmen, aber auch Kommunen, Hochschulen und Verbände. Und in allen Bereichen sowohl große, etablierte Firmen wie auch Mittelständler oder Büros mit wenigen Mitarbeitern. Diese Heterogenität ist sicher eine wesentliche Stärke der DGNB, weil Einzelinteressen nicht so sehr in den Fokus rücken. Und weil es bei einem komplexen Bereich wie dem Bauen verschiedene Perspektiven zulässt und wir immer im Sinne des nachhaltigen Bauens inhaltlich agieren können. Denn die gemeinsame Klammer unter den Mitgliedern bildet das Interesse daran, die Bau- und Immobilienwirtschaft so zu transformieren, dass Nachhaltig zum neuen Normal wird. 

Heute ist die DGNB mit über 1.300 Mitgliedsorganisationen Europas größtes Netzwerk für nachhaltiges Bauen. Welches sind die nächsten Meilensteine, die Sie anstreben?

JK: Ich würde das nicht zu sehr anhand von Kennzahlen festmachen wollen. Natürlich ist es schön, wenn wir in absehbarer Zeit die Marke von 10.000 DGNB-zertifizierten Projekten erreichen. Viel wichtiger ist aber, dass wir die Art, wie wir mit dem Thema Nachhaltigkeit im Bauen umgehen, immer mehr zur Selbstverständlichkeit machen. In manchen Bereichen sind wir da schon auf einem guten Weg. Es gibt aber auch noch einige Felder, wie die Wohnungswirtschaft oder generell das Thema Gebäudebestand, in denen noch viel passieren muss, um die Klimaschutz- und Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

Über 500 Experten sind als ehrenamtliche Berater für die DGNB tätig. Wie und wo kommen sie zum Einsatz?

CL: Die DGNB ist ein Mitmach-Verein, bei dem Fachexperten ihr Know-how aktiv einbringen können. Hierfür bieten wir unterschiedlichste Möglichkeiten, wie etwa Beiräte oder Strategiegruppen. Auch bei der Weiterentwicklung unserer Zertifizierungssysteme nutzen wir diese Expertise. So können wir die Aktualität der Kriterien, deren Anwendbarkeit sowieso das richtige Maß an Ambition in den Anforderungen sicherstellen. Und wir sind hinreichend beweglich, um zeitnah auf neue Branchenentwicklungen reagieren zu können. Letztlich freuen wir uns, wenn möglichst viele Mitarbeiter unserer Mitgliedsorganisationen Lust haben, sich aktiv bei uns einzubringen und das Netzwerk zu bereichern.

„Nachhaltig ist das neue Normal“ – wie nah oder fern ist dieser Anspruch heute, im Jahr 2021?

JK: Dieser Claim, den wir uns zu unserem zehnjährigen Bestehen im Jahr 2017 gegeben haben, ist aktueller denn je. Er ist aber nicht allein Ausdruck eines Anspruchs. Er bietet zugleich Orientierung. Eine Richtung, in die ich mein Engagement lenken kann. Fragen Sie sich einmal selbst: Sollte Nachhaltig das neue Normal sein? Voraussichtlich werden Sie das bejahen. Aber ist Nachhaltig dies bereits heute? Höchstwahrscheinlich werden sie sagen, dass dies noch nicht der Fall ist. Aber warum ist das so? Machen Sie in Ihrem beruflichen oder privaten Umfeld alles dafür, dass sich dies ändert? An dieser Stelle erreichen wir viele Menschen, denn genau hier bietet die DGNB eine Anlaufstelle, an der das persönliche Engagement ansetzen kann.

Die DGNB ist gleich in mehrfacher Hinsicht erfolgreich durch das Pandemiejahr 2020 gekommen. Was sind für Sie die zentralen Erfolgsmeldungen?

CL: Wir erleben gerade ein enormes Mitgliederwachstum in einem Maße, wie wir es in den Jahren zuvor nicht hatten. Hierbei spüren wir, dass immer mehr Unternehmen das Prinzip des nachhaltigen Bauens nicht mehr in Frage stellen, sondern für sich neu entdecken und als Kernbestandteil ihrer Firmenphilosophie vorantreiben wollen. Es freut uns natürlich riesig, dass wir hier als wichtigste Anlaufstelle in Deutschland anerkannt werden. 

JK: Eine wichtige weitere Entwicklung war die fast vollständige Umstellung des Fortbildungsprogramms unserer DGNB Akademie auf digitale Angebote. Dass dies so gut angenommen wurde, war eine wichtige Entwicklung, die auch unser Arbeiten in diesem Bereich in den kommenden Jahren positiv beeinflussen wird. Insgesamt muss man sagen, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesen schwierigen Zeiten einen fantastischen Job gemacht haben.

Sie konnten auch feststellen, dass Nachhaltigkeit in der Branche im vergangenen Jahr weiter an Bedeutung gewonnen hat. Wie erklären Sie sich das?

CL: Die Gründe sind sicher vielschichtig und zum Teil individuell. Übergeordnet hat die Sensibilisierung für die mit der Nachhaltigkeit verbundenen Themen zweifelsfrei zugenommen. Allen voran im Bereich Klimaschutz, wo sich das Engagement von Fridays for Future und der in diesem Zuge angestoßenen Initiativen positiv ausgewirkt hat. Auch das Thema Ressourcenschutz rückt zunehmend in den Fokus und immer mehr Unternehmen der Branche beginnen sich darüber zu positionieren. Gleiches gilt für die Themen Gesundheit und Wohlbefinden. Ein „Immer weiter so“ wird gesellschaftlich zunehmend abgelehnt und auf diesen neuen Druck reagieren Wirtschaft und Kommunen jetzt. Dies wird sich noch beschleunigen oder verstärken, wenn regulatorisch und mit Blick auf Fördermöglichkeiten noch mehr Dinge passieren. Über den Green Deal der EU ist bereits einiges angestoßen worden. Es bleibt abzuwarten, was nach der Bundestagswahl in Deutschland geschieht.

Die DGNB konnte zum Jahreswechsel eine Rekordzahl an Mitgliedsorganisationen und Neuzugängen verzeichnen. Stehen wir am Anfang eines neuen ökologischen Bewusstseins in der Baubranche? Und wird sich dieser Trend fortsetzen? 

JK: Zunächst möchte ich betonen, dass es beim nachhaltigen Bauen um mehr geht als „nur“ Ökologie. Klima und Umwelt sind wichtig, aber es geht auch darum, Räume zu schaffen, in denen sich Menschen wohlfühlen und gesund sein können. Und es geht um eine gebaute Umwelt, die auch langfristig wirtschaftlich sinnvoll geplant und gebaut wird. Es gibt also eigentlich nur Gewinner. Tatsächlich befinden wir uns gerade an einem außerordentlich spannenden Entwicklungspunkt, an dem das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer nachhaltigen Bauweise eine größere Breite erreicht und raus aus der Öko- oder Energieeffizienz-Nische kommt. Fortsetzen wird sich dies zweifelsfrei. Dazu ist beispielsweise das Thema Klimaschutz politisch viel zu hoch aufgehangen, als dass es ein Zurück zu gewohnten Denk- und Handlungsmustern geben kann.

Wie ist die DGNB international aufgestellt und welche Netzwerke gibt es?

CL: Wir haben sogenannte Systempartner in Dänemark, Österreich, der Schweiz und Spanien, die das DGNB System in ihren Ländern eigenverantwortlich adaptieren und im Markt verankern. In rund 30 Ländern wurde schon nach DGNB zertifiziert und in über 40 Ländern wurden Menschen im Rahmen unserer Akademie-Angebote zu Experten für nachhaltiges Bauen qualifiziert. Den internationalen Anspruch hatten wir bei der DGNB immer schon. Denn die Welt retten wir nicht allein in Deutschland. Dafür müssen wir weiter schauen und mit den richtigen Partnern vernetzen. Netzwerke gibt es einige. Wir engagieren uns zum Beispiel seit langer Zeit im Vorstand des World Green Building Councils, der internationalen Dachorganisation für unser Thema. Mit verschiedenen Partnern haben wir zuletzt eine eigene europäische Organisation gegründet, um im politischen Brüssel noch besser wirken zu können: die Climate Positive Europe Alliance, kurz CPEA. Die von uns mitinitiierte Initiative „Building Sense Now“ ist ein weiteres Netzwerk.

Wie kann man die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen unterstützen und Mitglied werden?

CL: Dafür muss man nur auf unsere Website gehen und den Mitgliedsantrag ausfüllen. Die Mitgliedsgebühr ist nach Größe bzw. Umsatz gestaffelt und im Vergleich zu anderen Initiativen oder Vereinen auch moderat. Wir freuen uns über alle Organisationen, die sich bei uns engagieren oder uns auch einfach nur unterstützen wollen. Für uns ist es dabei nicht wichtig, ob ein Unternehmen bereits sehr weit ist bei seinen Nachhaltigkeitsbemühungen oder noch ganz am Anfang steht und damit erst beginnt. Entscheidend ist einzig die Lust, mit uns gemeinsam das nachhaltige Bauen voranbringen zu wollen.

Was raten Sie privaten Bauherren für die Planung ihres Bauvorhabens?

JK: Das Wichtigste ist, dass sie sich frühzeitig mit den unterschiedlichen Anforderungen und Möglichkeiten einer nachhaltigen Bauweise beschäftigen und im Rahmen des vorhandenen Budgets mit der geeigneten Zielsetzung die für sie besten Entscheidungen treffen. Was heute günstig erscheint, kann einen später negativ einholen. Hier können die DGNB Kriterien als Orientierung dienen. Aspekte wie die Vermeidung von Schad- und Risikostoffen, eine flexible Gestaltung der Grundrisse im Sinne einer späteren Umnutzungsfähigkeit oder die Umsetzung von Maßnahmen zur Reduktion der Nebenkosten sollten mitgedacht werden. Außerdem sollten sie sich mit den Fördermöglichkeiten auseinandersetzen. Hier passiert derzeit sehr viel. Der bisherige reine Energieeffizienz-Fokus wird um einen breiteren Nachhaltigkeitsansatz erweitert, sodass sich auch für private Bauherren neue Finanzierungspotenziale ergeben.

Welche Herausforderungen sehen Sie als DGNB in Anbetracht der aktuellen Situation mit steigenden Rohstoffpreisen, insbesondere beim Baustoff Holz?

CL: Wenn regionale Rohstoffe einmal um die Welt transportiert werden, weil die dortigen Bauschaffenden mehr Geld zahlen, konterkariert das die Idee des nachhaltigen Bauens enorm. Deshalb sehen wir die Entwicklung kritisch. Darüber hinaus wäre es fatal, wenn aufgrund der steigenden Rohstoffpreise kurz gedachte Budgetentscheidungen gegen eine nachhaltigere Bauweise getroffen werden. Die Kostendebatte im Bauen wird oftmals ohnehin schon kurzsichtig und wenig seriös geführt, weil Amortisationszeiten nicht mitbetrachtet werden. Deshalb hoffen wir, dass das Prinzip der Lebenszyklusbetrachtung nicht wieder aus dem Fokus gerät.

Gibt es Unterschiede in der Vergabe Ihrer Zertifizierungsstufen bei gewerblichen und privaten Bauherren?

JK: Der Maßstab und die anzustrebenden Qualitäten sind für private und gewerbliche Bauherren selbstverständlich gleich. Was sich unterscheidet sind die Dokumentationsanforderungen. Hier gibt es auch Unterschiede nach Nutzungstyp. Für private Bauherren gibt es das DGNB System für kleine Wohngebäude. Dies ist von den Nachweisen her schlanker als vergleichbare Zertifizierungen für Gewerbeimmobilien. Bei der DGNB Zertifizierung gibt es verschiedene Varianten, je nachdem ob es sich um einen Neubau, eine Sanierung oder den Gebäudebetrieb handelt. In allen Formen der DGNB Zertifizierung können aber Auszeichnungen in den Abstufungen Platin, Gold und Silber erreicht werden.

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